15. Juli 2016 (15 Temmuz) in der Türkei – Meine Erfahrung

Meine Erlebnisse am 15. Juli 2016 in der Türkei

    Inhaltsangabe
  1. Wenn dein Schicksal dich leitet
  2. Wie wir es erfahren haben
  3. Weg von hier...
    1. Fluchtgedanken
    2. Die Ruhe im Person
    3. F-16 über dem Kopf
    4. Raus aus Istanbul
  4. Endlich geht es weiter
  5. Frühstückszeit
  6. Fazit

Wenn dein Schicksal dich leitet

Ich bin ein Tag zuvor von Rom nach Istanbul gereist und wollte mit meinem Bruder und seiner Frau ein paar Tage in Istanbul verbringen.

Ich habe mir ein Zimmer im Holiday Star Hotel Istanbul gebucht und wir hatten einen angenehmen Tag. Am Abend vom 15. Juli 2016 sind wir dann zum Çamlıca Hügel gefahren um dort etwas zu essen.

Es war ein ruhiger und angenehmer Abend und wir haben von nichts mitbekommen. Weder die Menschen in unserer Umgebung noch irgendwelche Mitarbeiter vom Restaurant haben uns etwas anmerken lassen…

Wie wir es erfahren haben

Nachdem wir gegessen und einige Fotos von Istanbul gemacht haben sind wir runter gefahren und unten haben wir gesehen, dass eine Gruppe von Männern mit Türkei Flaggen in der Hand hin und her gesprungen sind und ganz lauf Ya Allah bismillah allahuekber! Gerufen haben.

Blick vom Camlica-Hügel – 15. Juli 2016 um 22:47

Mein Bruder war da schon skeptisch und hat uns gefragt was wohl ist. Ich habe als Antwort gesagt, dass bestimmt eine Fußball Mannschaft ein Spiel gewonnen hat und die sich nur deswegen gefreut haben. Mein Bruder hat das jedoch verneint und hat mich gebeten mit seinem Handy einmal nachzuschauen was denn los ist. Ich nur auf google.com gewesen, habe nach Türkei gesucht und nach einer Stille von etwa 10 Sekunden nur gesagt: putsch…

Weg von hier…

Es sind keine 5 Sekunden vergangen dass ich Putsch gesagt habe und wir konnten bereits die Jäger Jets über uns fliegen hören. Ihr könnt euch sicher vorstellen dass das ein ganz anderes Gefühl war als dass man vor Youtube sitzt und sich Kampfjets anschaut…

Fluchtgedanken

Das Erste was in unseren Kopf gekommen ist, war, das Land zu verlassen und wenn es sich wieder gelegt hat wieder rein zu kommen. Leider mussten wir erfahren dass auch die Grenzen zu gemacht worden sind. Zu diesem Zeitpunkt waren wir mit dem Auto noch ungefähr hier:

Istanbul 16.06.2016 00:35 Uhr

Wir mussten erst einmal auf die Europäische Seite von Istanbul, um unsere Sachen zu packen und anschließend wollten wir irgendwie nach Zentralanatolien zu unserer Familie und unseren Bekannten. Wir haben zum Glück die letzte Fähre bekommen, die diese Nacht noch auf die Europäische Seite gefahren ist.

Das Warten auf die letzte Fähre – Istanbul 16.07.2016 01:07 Uhr

Ihr könnt euch nicht vorstellen wie voll die Straßen gewesen sind.

Endlich drüben sind wir alle erstes ins Hotel von meinem Bruder gefahren, damit seine Frau schon mal in Ruhe zusammenpackt. Während die Frau zusammenpackt bin ich mit meinem Bruder zu meinem Hotel gegangen und wir haben ich habe auch gepackt und habe ausgecheckt.

Die Ruhe im Person

Am Hotel hatte ich dem Mann an der Rezeption gesagt, dass ich gerne auschecken würde und er hat nur gemeint dass ich ihn im Aufenthaltsraum finden werde wenn ich meine Sachen fertig gepackt habe. Nachdem ich meine Sachen gepackt habe und in den Aufenthaltsraum gegangen bin war er am schlafen.

Ich hatte noch den Flughafentransfer zu bezahlen aber mein Geld war noch im Hotel von meinem Bruder. Als ich das Geld vorbeigebracht habe, war der Mann auf der Dachterrasse in ruhe den Frühstück am vorbereiten. Ich kann mich noch genau daran erinnern wie er da stand und die Gurken schnitt. Ich meinte dass ich auschecken möchte wegen dem Putsch und er hat nur nach oben geguckt und gesagt: Wegen dem hier? Das ist alles gleich vorbei.

F-16 über dem Kopf

Falls ihr nicht in diesem Moment in der Türkei gewesen seid und einmal fühlen wollt, wie es gewesen ist, bitte ich euch euch sehr gute Kopfhörer zu holen, diese anzustecken und euer Handy/Laptop was auch immer auf die höchste Lautstärke zu machen, das nachfolgende Video abzuspielen und die Augen zuzumachen.

Falls ihr denkt, dass das übertrieben ist, lasst mich euch eines sagen. Nach jedem Explosionsgeräusch, welches durch das durchbrechen der Schallmauer produziert wird, hatte ich für einige Sekunden die Orientierung verloren. Ich wusste nicht mehr wo oben und wo unten ist.

Raus aus Istanbul

Wir haben unsere Sachen gepackt, ausgecheckt und mussten jetzt nur noch einen Weg finden wieder auf die asiatische Seite zu kommen. Die Brücke war mit Panzern und Soldaten gesperrt. Also war es unmöglich von dort aus rüber zu kommen.

Wir sind dann zur Fähre gefahren und haben mit dem Pförtner geredet. Er hat gesagt dass er eine Fähre organisiert aber dass wir selber verantwortlich für unsere Sicherheit sind. Er meinte, dass die Armee befohlen hat, dass keine Fähren fahren sollen und dass die Gefahr besteht abgeschossen zu werden. Wir haben zugesagt und haben die Fähre genommen.

Endlich geht es weiter

Es war die längste Fährenfahrt die ich je in meinem Leben gehabt habe. Jedes Mal wenn ein Jäger über uns weg geflogen ist, hat sich mein Puls spürbar beschleunigt und ich war nur auf das schlimmste am erwarten. Eine Bombe und wir sind weg.

Auf der asiatischen Seite angekommen sind wir weiter Richtung Süden gefahren und haben unterwegs immer wieder mit LKWs gesperrte Autobahnen gesehen. Da mussten wir dann mitten auf der Autobahn wenden und sind als eine Art Geisterfahrer zurück bis zur nächsten Ausfahrt gefahren.

Dann sind wir wieder auf die Autobahn und dort haben wir dann eine Sperrung mit Polizisten und Blaulicht gesehen. In dieser Situation haben wir wieder dasselbe gemacht und sind umgedreht. MANN hatte ich Angst dass die uns hinterher fahren. Denn es herrschte ja eine Ausgehsperre.

Wir sind so bis nach Pendik gefahren und haben dann dort die Fähre richtung Yalova genommen. Dort konnten wir zum ersten mal richtig abschalten.

Auf der Fähre Pendik nach Yalova – 16.07.2016 08:34 Uhr

Frühstückszeit

Mein Bruder meinte dass er eine gute Location in Bursa kennt und wollte mir diese Location zeigen. Also sind wir nach da gefahren. Ich weiß nicht mehr wo genau das war aber es war auf einem Berg in Bursa.

Blick von der Frühstückslocation – Bursa 16.07.2016 12:46 Uhr

Wir haben dort gefrühstückt und mein Bruder hat mich gefragt wo er mich hinfahren soll. Er ist auf eine Hochzeit gefahren und ich wollte nach Eskisehir einen Freund besuchen. Es lag auf dem Weg also hat er mich in Eskisehir raus gelassen und ist weiter nach Afyon gefahren.

Ich bin dann einige Tage in Eskisehir geblieben und die Freunde haben mir Eskisehir gezeigt. Eine sehr schöne Stadt. Es gibt zwar nicht so viel zu sehen aber die Schönheit einer Stadt macht nicht die Stadt sondern die Gastfreundlichkeit der Gastgeber aus.

Ich unterwegs in Eskisehir mit meinen Freunden

Fazit

Das war zum ersten mal, dass ich mich einer kriegsähnlichen Situation befand. Das durchbrechen der Schallmauer von den Jets hat sich so angehört, als ob sie jedes mal irgendwas bombardiert hätten. Sogar erfahrene Männer konnten die Geräusche nicht unterscheiden.

Unter diesen Umständen fragt man sich was man im Leben hätte besser machen können, weil man davon ausgeht, dass jederzeit eine Bombe in deiner Nähe explodiert und deine Körperteile vielleicht nicht einmal aufgesammelt werden können.

Ich habe unglaublich viel gelernt. Ich habe meinen Bruder besser kennen gelernt, den Freund den ich besucht habe und ich habe gelernt, wie man in Stresssituationen besser kaltblütig bleibt.

Themen

15 Temmuz Bursa Erfahrung Eskişehir FETÖ Istanbul Leben Privatleben Putsch Türkei

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